FairGedacht
soziale und ökologische
        Organisationsentwicklung

GLOBALISIERUNG DER LIEFERANTENKETTE

Systemprobleme (innen)

Durch die Globalisierung der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten haben sich viele Veränderungen ergeben. Beschränken möchte ich mich bei diesem großen und komplexen Thema auf die Globalisierung der Lieferantenkette der Automobilindustrie und dessen Hauptauswirkungen. Das schon in einem vorherigen Kapitel angesprochenen „Global Sourcing“ im Beschaffungsmanagement hat in der Automobilindustrie zu starken internationalen Verflechtungen und Abhängigkeiten geführt. Zu den Vorteilen des globalen Einkaufs gehören Kosteneinsparungen, Sicherung neuer Bezugsquellen, größere Produktpalette und auch verbesserte Joint-Venture Möglichkeiten. Auch in den Bezugsländern mit Niedriglöhnen sind positive soziale und ökonomische Entwicklungen auszumachen. Den Vorteilen stehen durch aus auch enorme Risiken gegenüber, die sich in den letzten Jahren deutlich gezeigt haben. Zudem sind die externalisierten Umweltkosten des Transports des Beschaffungsgutes zu erwähnen. Zu einem meiner ersten Projekte als Projektleiter in der Automobilindustrie gehörte die Entwicklung eines Autoradios für den VOLKSWAGEN Konzern. Für eine Präsentation habe ich exemplarisch ein „Worldtrade Net“ für das Produkt erstellt, mit dem Ziel alle Lieferantenbeziehungen für das Produkt transparent zu machen. Alle Lieferanten der Bauteile wurden durch ein Global Sourcing nominiert und dadurch weltweit eingekauft. Die meisten Teile kamen aus Asien, Europa, Nord- und auch Südamerika. Das Autoradio wurde bei einer Tochterfirma in Feuerland (Rio Grande/Argentinien) produziert. Das Autoradio kam dann zu VW do Brasil per LKW und wurde dann per Flugzeug nach São Paulo versendet. Das Fahrzeug, ein VW-Fox, wiederum nach Europa exportiert. So hatten einige der Bauteile eine fast vollständige Weltumrundung hinter sich. Wie schon im Kapitel über externalisierte Kosten erwähnt, wurden die Umweltkosten durch den Transport der vielen Bauteile, des Autoradios und letztendlich dem Fahrzeug von niemanden, weder dem Unternehmer noch vom Konsumenten, getragen.

Irritationspotential (außen)

Einige Irritationspotentiale, die sich in den letzten Jahren auch teilweise schon gezeigt haben, sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Die Weltwirtschaftskrise 2008 führte zu hoher Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Umsatzeinbrüchen und allgemeiner Verunsicherung in der Automobilindustrie. Zweimal wurde durch Umweltkatastrophen das System irritiert. Die Fukushima Atomkatastrophe war erstens eine humanitäre Katastrophe, die viel Mitgefühl verdient, zweitens durch die starke Abhängigkeit von japanischen Lieferanten auch eine logistische Herausforderung für die Automobilindustrie Bauteile anderweitig zu organisieren, um die Automobilproduktion nicht stoppen zu müssen. Ähnlich kritisch wurde die Situation 2011 mit der großen Flut in Thailand. VOLKSWAGEN selbst gibt in seinem Nachhaltigkeitsbericht von 2010 noch weitere wirtschaftliche Irritationspotentiale an, die auf das System wirken können:

- die Instabilität des Bankensystems

- die hohe Verschuldung in der Eurozone

- weltweite expansive Geldpolitik der Notenbanken

- hohe Inflation und steigende Rohstoffpreise

- durch Inflationsängste entstehende Spekulationsblasen bei Rohstoffen.

Aufgrund einer enorm energieverschlingenden Industrie mit hohen Ressourcenverbräuchen, Emissionen und direkten Beiträgen zum Klimawandel, kann es zukünftig zu weiteren politischen Vorgaben kommen.